| Spuren im Sand - Tunesien 010/11 |
|
|
|
Im Gegensatz zu meinen letzten Reisen in den Senegal, nach Sri Lanka und Indien, trug ich dieses Mal keine Verantwortung für die Planung der Einzelheiten unseres Aufenthaltes in Tunesien, zumal unser einheimischer Freund Mohamed diesmal die ganze Last der Organsiation übernommen hatte. Ein erfreulicher Umstand, den ich besonders wegen der Menge an Aufgaben schätzen konnte, die ich bis knapp vor Weihnachten zu erfüllen gehabt hatte. Bis auf die Tatsache, meinen späteren Begleitern den Besuch in dem nordafrikanischen Land vorgeschlagen zu haben, brauchte ich mir also keine Gedanken in Bezug auf die Erfüllung von Wünschen zu machen und durfte mich aus diesem Grund ganz als Mitreisender fühlen. Eine Rolle, die auf den ersten Blick zwar bequem schien, aber auch so manche Herausforderungen beinhaltete, wie sich im weiteren Verlauf der Reise herausstellen sollte.
Da wir einander kurz vor Weihnachten getroffen und gemeinsam über den Verlauf der Reise entschieden hatten, waren wir gut vorbereitet, als wir bald nach dem Fest und wenige Tage vor dem Jahreswechsel am Flughafen zusammen trafen, um uns von dort aus Richtung Tunis auf den Weg zu machen. Zuhause war das Wetter kalt und winterlich gewesen und was uns erwarten würde, vermochten wir uns noch nicht vorzustellen, weil es mit Ausnahme unseres Begleiters für alle das erste Mal war, diesen Teil von Nordafrika zu besuchen. Natürlich sehnten wir uns nach Sonne, die sich daheim um diese Zeit allzu oft hinter dichten Wolken oder Nebel verbirgt und dann auch nur wenig Kraft hat, sollte sie an manchen Tagen dennoch hervorkommen. So waren wir froh, als wir beim Verlassen des Flughafengebäudes in die schon tiefstehende Sonne blinzelten und mancheiner deshalb heftig zu niessen hatte – überrascht waren wir aber von der Temperatur, die wir deutlich höher erhofft hatten, als wir sie nun durch die warmen Jacken hindurch wahrnahmen. Freilich hatte uns Mohamed geraten, entsprechende Kleidung für die kühlen Nächte mitzunehmen, aber für den frühen Nachmittag schien es uns in Anbetracht der südlichen Lage des Landes denn doch etwas zu kalt zu sein. Längst, nachdem wir Flughafen und die Grossstadt hinter uns gelassen hatten, begann es zu dämmern und weil sich nun langsam auch Hunger einstellte, liess unser Freund halten und bestellte uns die erste Mahlzeit mit tunesischen Spezialitäten - Oliven, Salat, Couscous, gekochtes und gegrilltes Hammelfleisch, sowie einige Süssigkeiten und den obligaten mit Minze versetzten Schwarztee - die wir mit Appetit zu uns nahmen um wenig später unsere Fahrt fortzusetzen. Da unser Hotel auf der Insel Djerba erst vom nächsten Tag an gebucht war, schlug uns unser Begleiter eine Übernachtung in Ben Gardane vor, jener Stadt, in der wir nach unserem Aufenthalt auf der Urlaubs-Insel ohnehin einige Tage verbringen mochten. Dort trafen wir am Ende der ermüdenden Fahrt erst spät abends ein, bezogen unsere Zimmer und schliefen trotz der durch keine Heizung gemilderten Kälte erschöpft bis zum nächsten Morgen, bevor wir gegen Mittag zu unserem eigentlichen Ziel aufbrachen. Dieses, ein gut ausgestattetes und nicht weit vom Meer gelegenes Hotel, erreichten wir am frühen Nachmittag, weshalb noch genug Zeit blieb, mit den Gegebenheiten vertraut zu werden, bevor sich die Dunkelheit über die weitläufige Anlage legte. Waren wir bis zu diesem Zeitpunkt noch von der Unruhe rund um die spannende Anreise erfüllt gewesen, so legte sich diese in den nun folgenden Tagen bis zum Jahreswechsel, stellte sich ein Lebensrythmus ein, der ganz der Umgebung entsprach und vorwiegend von Entspannung geprägt war. Neben den Mahlzeiten bot uns das Hotel seine Räumlichkeiten zur Gestaltung unseres Aufenthaltes, kamen wir dort manchmal zum Tee zusammen oder um miteinander zu spielen, oder es zog uns einzeln oder gemeinsam zum nahen Strand. Auch ein überdachtes Schwimmbad stand bereit, das wir im Gegensatz zum grossen Becken im Inneren der Anlage auch benützten, denn es war beheizt und ermöglichte David und mir darüber hinaus die Yoga-Übung. Diese traf im übrigen auf das unverhohlene Interesse jener jungen Männer, die den Hotelgästen als Masseure zur Verfügung standen und uns zuvor ihre Dienste angeboten hatten, wie auch die wenigen Benützer des Pools ihr Staunen nur mit Mühe verbergen konnten. Am Sylvester-Tag unternahmen wir einen Ausflug in die nahegelegene Stadt, wohin meine Freunde mit einer Caleche und ich mit einem geliehenen Fahrrad gelangten, und uns dort ein wenig umsahen. Natürlich war das Stadtzentrum ganz auf den Tourismus ausgelegt, der freilich, abseits der erst einige Monate später einsetzenden und bis in den Herbst dauernden Saison, kaum in Erscheinung trat. So waren neben uns nur wenige europäische Besucher zu beobachten, die sich in den erstaunlich gepflegten Gassen und Plätzen verliefen, ohne uns das Gefühl zu vermitteln, auf afrikanischem Boden in vorwiegend westlicher Gesellschaft zu sein. Erfreulicherweise waren die Verkäufer in und vor den Boutiquen im Umgang mit Feriengästen vertraut, denn ihre Beharrlichkeit im Anpreisen der Waren hielt sich im erträglichen Rahmen. Jahrzehnte zuvor hatte ich im damals touristisch erst erwachenden Marokko schlechtere Erfahrungen gemacht, als mir als Reaktion auf die Verweigerung des erbettelten Bakschisch von Kindern Steine nachgeworfen worden waren oder uns der damals angeheuerte Führer mitten in der eng verwinkelten Altstadt alleine liess, nachdem wir den Kauf der angepriesenen Waren verweigert und das folgende Ansinnen auf Erhöhung seiner Gebühr abgelehnt hatten. Deshalb war ich persönlich angenehm von der zurückhaltenden und dennoch zuvorkommenden Art der Einheimischen überrascht, zumal ich aus den besagten Erfahrungen heraus nicht sicher war, was mir in einem weiteren arabischen Land bevor stehen würde. Die Sylvesternacht verbrachten wir gemeinsam mit der Teilnahme an einem Dinner, das die Zeit bis Mitternacht rasch verstreichen liess und mit Vorführungen von Bauchtänzerinnen und einer Folkloregruppe aufgelockert war. Für uns unüblich erfolgte der Jahreswechsel ohne Alkohol, was dem ausgelassenen Treiben am Ende weitgehend die Spitze nahm und mich an jenen vor zwei Jahren erinnerte, wo wir Sylvester in Joale-Fadiout, einer kleinen, muschelbedeckten Insel im Delta eines grossen Flusses verbracht hatten, ohne freilich irgendwo Sekt bekommen zu haben. Auch gab es hie wie dort kein Feuerwerk, das um Mitternacht unter bedenklicher Lärmentwicklung entzündet worden wäre und uns mit Knallerei und Funkenflug belästigt hätte. Zu Neujahr erholten wir uns von der Nacht davor und gingen jeder für sich weitgehend eigener Wege - neben dem üblichen Yoga und Schwimmen, lud auch der Strand zu einem weiten Spaziergang entlang der Brandung ein. Am darauf folgenden Morgen holte uns Mohamed vom Hotel ab und brachte uns erneut in seine Heimatstadt, wo wir uns im selben Hotel einmieteten, in dem wir einige Tage zuvor schon einmal genächtigt hatten. Diesmal mit der Absicht, das Entwicklungs-Projekt unseres Freundes zu besuchen, aber auch mit einem einheimischen Maler zusammen zu treffen, der uns einige seiner Bilder zeigen mochte – diese erwiesen sich als interessant genug, um einige kleinere Aquarelle von ihm zu erwerben, was ihn sichtlich freute. Weniger wegen der Möglichkeit Geld zu verdienen, sondern wegen der Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen, die dadurch zum Ausdruck kamen und die ihm vonseiten der Stadt und ihrer Bürger bisher weitgehend vorenthalten worden waren. Auch waren wir am Nachmittag des ersten Tages zum Essen im Kreise der Familie eingeladen, die zu unseren Ehren ein Beduinen-Zelt einschliesslich alles verfügbaren Hausrats aufgebaut hatten, das uns Stück für Stück vom Familien-Oberhaupt vorgeführt wurde. Am Abend brachte uns Mohamed noch zu einer Leder-Fabrik, deren Besitzer uns ihre Produkte zeigten, um uns auf diese Weise ihre Fähigkeiten vor Augen zu führen. Früh am Morgen des nächsten Tages wurden wir mit einem Kleinbus abgeholt, der von einem einheimischen Fahrer – Selim – gelenkt wurde und in dem bereits unser tunesischer Führer – Faousi – auf uns wartete. Dieser sollte uns im Laufe der Fahrt ans Herz wachsen, denn er steuerte nicht nur seine Kenntnisse des Landes zu unserer Reise bei, sondern auch seine auf Grosszügigkeit und Gastfreundschaft beruhende Haltung. Erste Station bald nach Sonnenaufgang stellte der Besuch einer der am Strassenrand liegenden Höhlen-Anlagen der ursprünglichen Bevölkerung des Landes dar. Mit einfachen Werkzeugen händisch in das weiche Gestein gegraben, durfte die dichte Hülle aus Sand ebenso vor der Kälte der Nacht, wie auch vor der Tageshitze schützen, die wir zu dieser Jahreszeit jedoch kaum zu spüren bekommen sollten. Die ausgestellten Teppiche und Tücher kauften wir nicht, da wir diese sonst während der ganzen übrigen Reise mit uns zu führen gehabt hätten, überdies die erhöhten Preise nicht zu zahlen bereit waren. Von der Ebene zwischen Meer und Gebirge waren wir nach und nach in hügeliges Gelände gelangt und der Strasse gefolgt, die sich nun entlang von Einschnitten, auf Brücken über Wadis – ausgetrocknete Flussbetten - und vorbei an malerisch gelegenen Ortschaften durch die Landschaft schlängelte. An einer besonders schön gelegenen Stelle machten hielten wir erneut, um ein weiteres, in den Sandstein gegrabenes Haus zu besichtigen, das noch dazu von den Eigentümern bewohnt wurde. Aus diesem Grund war es in erstaunlich gutem Zustand und gab Einblick in die Lebensweise der Berber, die heute nur mehr einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen, einstmals grosse Teile des Landes beherrscht hatten. Bald nachdem wir die Berge hinter uns gelassen hatten, die nach und nach der Weite einer nur von Steinen und spärlichem Bewuchs bedeckten Ebene Platz gemacht hatten, gelangten wir nach Douz, einer Oase am Rande der Wüste, wo wir einen einstündigen Kamel-Ritt in die der Ortschaft vorgelagerten Sand-Dünen unternahmen. Neben des wogenden Ganges unserer Dromedare, war es besonders die schon bald nach Verlassen des Stützpunktes einsetzende Stille, die mich in ihren Bann zu ziehen begann und den bleibenden Eindruck bei mir hinterliess, als ob der allgegenwärtige Sand der Wüste jeden kleinsten Laut verschlucken würde. Dies empfand ich jedoch weniger bedrohlich, als angenehm, da wir ohnedies aus der europäischen Betriebsamkeit und dem davon ausgehenden Lärm kamen, die vor der unbegrenzten Weite dieser Landschaft plötzlich in grosse Ferne zu rücken und keine Rolle mehr zu spielen schienen. Nach dem Essen, das wir in einem der für die trockene Umgebung unerwartet luxuriösen Hotel eingenommen hatten, liessen wir die Oase wieder hinter uns und näherten uns bald dem Schatt-el-Jerid, einem zum Salzsee vertrockneten ehemaligen Süsswasser-See, der sich entlang der Strasse durch weisse Ausblühungen und einen deutlichen Rückgang des ohnehin schon kargen Bewuchses bemerkbar machte. Etwa in der Mitte des Sees hielten wir an der erst vor wenigen Jahrzehnten geschütteten Dammstrasse, um die teilweise tragfähige Salzkruste zu betreten und den Ausblick auf die hinter der spiegelglatten Oberfläche des ehemaligen Gewässers aufragende Bergkette zu geniessen. Schon in der späten Sonne des Nachmittags liegend, wurde sie von dieser im Spiel von Licht und Schatten gleichsam heraus modelliert und wirkte wegen der trockenen und klaren Luft unwirklich nah. Im gleissenden Gegenlicht konnten wir auf dem Weg nach Tozeur so manche Fata Morgana beobachten, einer Luftspiegelung knapp oberhalb der Wasseroberfläche, die scheinbare Bilder mitten im See und an Stellen entstehen liess, wo sich sonst nichts weiter als Wasser befindet. In der Stadt angekommen, führte uns Faousi durch das historische Zentrum, dessen Häuserfassaden in hellen, auf bestimmte Weise angeordneten Ziegellagen gehalten waren. Danach besichtigten wir Teile der alten Bewässerungsanlage, die den Reichtum des Ortes an Dattelpalmen, Zitronen- und Orangenbäumen, sowie an Bananenstauden begründet hatte und noch nach Jahrhunderten ihren Dienst versahen. Schlussendlich bezogen wir unser Quartier, dessen grosszügiges Platzangebot ich gemeinsam mit Mohamed, meinem Zimmergenossen, zum Yoga nützte und nach einer kleinen Mahlzeit in tiefen Schlaf fiel. Früh morgens verliessen wir das Hotel, damit Selim uns noch vor Sonnenaufgang zum ersten Ziel des Tages, der Bergoase von Chebika bringen konnte, wo wir auf Anraten unseres Führers auf das Erscheinen der Sonne warten sollten. An eine Felswand gelehnt, verfolgte ich das bemerkenswerte Schauspiel, wohingegen die übrigen Besucher, getrieben von ihrer Ungeduld, die orangeroten Strahlen der Sonne versäumten, die diese tastend über den Kamm sandte, bevor ihre leuchtende Scheibe majestetisch langsam hinter dem Bergrücken erschien. Während der Grund der Klamm, in die ich bald danach abstieg, noch im Schatten lag, waren die Höhenzüge darüber schon in kraftvoll leuchtendes Orange getaucht, das rasch an Intensität gewann und sich schliesslich zum hellen Gelb wandelte. Der Weg führte über Stufen und Stege bis zum Quellbecken unterhalb des Wasseraustrittes, wo das schmale Rinnsal teilweise in einen künstlichen Kanal gefasst aus der Schlucht heraus geleitet, dabei von einem gepflasterten Weg begleitet wurde, auf dem wir das enge Tal wieder verliessen. Als ich meine Hand in das Wasser tauchte, um seine Temperatur zu prüfen bemerkte ich an dessen Wärme den überraschenden Umstand, es würde sich um Thermalwasser handeln, das nach Auskunft der Einheimischen von den Dorfbewohnern zum Trinken benutzt wurde. Um den nun in immer grösserer Zahl eintreffenden Touristengruppen zu entgehen, machten wir uns unverzüglich an die Weiterfahrt und kamen auf unserem Weg nach Redeyef an einem Wasserlauf vorüber, der sich, etwas abseits der Hauptstrasse gelegen, über einen Wasserfall in die malerische Schlucht darunter ergoss. Deren Verlauf folgte ich im Alleingang etwas flussabwärts, kehrte jedoch bald zu meinen Begleitern zurück, um diese nicht unnötig zu beunruhigen und mit ihnen die Fahrt so rasch als möglich fortsetzen zu können – im Nacken bereits den Pulk geländegängiger, von rücksichtlosen Lenkern gesteuerten Fahrzeugen. Kurz nach Verlassen der Neustadt von Tamerza und von einer Anhöhe aus, auf dem ein Luxushotel stand, bot sich uns ein atemberaubender Blick auf das Wadi darunter und die entlang des gegenüber liegenden Ufers stehenden Grundmauern der alten, ursprünglich auf eine römische Siedlung zurückgehende Stadtanlage. Angesichts der offensichtlichen Trockenheit der Gegend wunderte es mich, woher das kostbare Wasser für das Hotel und sein Schwimmbecken herkommen mochte, erhielt jedoch einige Tage später aufgrund der brisanten politischen Entwicklung des Landes eine stichhaltige Erklärung dafür. Demnach gab und gibt es in Tunesien, begünstigt durch das bis vor kurzem herrschende System, sowohl Armut, als auch märchenhaft reiche Geschäftsleute, die sich jede Art von Annehmlichkeit und Luxus leisten konnten und wohl auch bis auf weiteres können werden. Ob das Wasser irgendwo sonst fehlen würde und sinnhafter verwendet werden könnte, dürfte derartigen Kreisen keine ernsthafte Überlegung wert, eben nur eine Frage von Einfluss, Macht und Geld sein. Etwas oberhalb der Stadt zweigten wir von der Hauptstrasse ab und folgten der schmalen Strasse, die quer durch das weite, ausgetrocknete Bett eines in einen Stausee mündenden Flusses zur Oase von Mides führte, deren Canyon ein beliebtes Touristenziel darstellte. Bemerkenswert erwies sich die, von einem in der Regenzeit wohl reissenden Gewässer in das weiche Gestein gegrabene Schlucht wegen dem, trotz geringer Länge in beträchtlicher Tiefe liegenden Grund, auf den sich von oben nur abschnittsweise blicken liess. Irgendwie wirkte der Canyon wie die Miniaturausgabe eines der monumentalen amerikanischen Ebenbilder, weshalb sich leicht erahnen liess, warum dieser die Szenerie so manches Abenteuerfilm gebildet hatte. Zurück am Parkplatz erwartete uns bereits die Karawane der Urlauber, der wir wegen der Weitsicht unserer Begleiter bisher elegant aus dem Weg gegangen waren, allerdings durften sie uns kaum weiter folgen, weil wir uns nach der Besichtigung dieses Ortes langsam auf den weiten Heimweg machen würden. Die unansehnliche Stadt Redeyef, die wir bald darauf erreichten, bot uns neben der Tatsache, Standort einer der grössten Phosphat-Minen des Landes zu sein, keinen ernsthaften Anlass, stehen zu bleiben, deshalb nahmen wir die Strasse über Metlaoui, einem weiteren Zentrum von exzessiver Phosphat-Gewinnung und kamen um die Mittagszeit in Gafsa an, wo wir die letzte grössere Mahlzeit des Tages erhielten. Von dort ging es weiter nach Gabes, das wir nach einer Pause im Stadtzentrum und einigen Besorgungen bald wieder verliessen und folgten jener Hauptroute in den Süden, die wir schon einmal, auf unserer ersten Fahrt nach Ben Gardane, benutzt hatten, das wir in den Abendstunden nach Zurücklegung einer Gesamtstrecke in der Länge von etwa 1400 km erreichten. Noch vor unserer zweitägigen Besichtigungs-Tour durch das Land hatten wir mit Mohamed einen Ausflug in den nicht weit im Süden der Stadt liegenden Sidi Toui – Nationalpark vereinbart und dieser sich gleich um eine Bewilligung beim Landwirtschafts-Ministerium bemüht, die in unserer Abwesenheit erfreulicherweise erteilt worden war. Deshalb schien es nur mehr eine Formalität zu sein, unseren Besuch über die örtlichen Polizeibehörden der Nationalpark-Verwaltung anzukündigen und gleich danach im bereits angemieteten Geländewagen loszufahren zu können. Freilich hatten wir die Rechnung ohne die Unbeholfenheit und Willkür der mit unserem Ansinnen konfrontierten Polizeibeamten gemacht, die unseren Freund vorerst warten ließen, dann von einer Dienststelle zur nächsten und am Ende wieder zurück zum Ausgangsort schickten – ungeachtet dessen Weitsicht, vorsorglich einen engen Freund aus Kindertagen mitgenommen zu haben, der an der Gründung des Parks mitgewirkt hatte und mit dessen Verwaltung unmittelbar befasst war. Aus diesem Grund war der Tag schon weit fortgeschritten, als wir Dank unseres beharrlichen Freundes endlich aufbrechen und die Stadt hinter uns lassen konnten, um nach immer schwieriger werdender Fahrt auf der erst asphaltierten, bald aber unbefestigten Strasse an einer Wasserstelle für die auf der weiten Steinwüste grasenden Schafherden stehen zu bleiben. Diese lag an der tiefsten Stelle einer Senke, die sich während der Regenperioden offenbar mit Wasser füllte, das in Zeiten der Dürre nach und nach verdunsten durfte, bis die Schafhirten schliesslich auf die, mit Sonnen-Energie betriebenen Pumpen angewiesen waren, die das kostbare, allerdings leicht salzige Nass aus der Tiefe förderten. Mit Ausnahme einiger weniger Bäume bot sich unserem ungeübten Auge keinerlei Anhaltspunkt in der unüberblickbaren Weite der von Steinen bedeckten Ebene, weshalb sich mir die Frage stellte, wie es den Schafhirten gelingen mochte, die Orientierung nicht zu verlieren und immer wieder zu jenen Orten zurück zu finden, wo sich ihre Zelte befanden. Wohl Dank der feinen Sinne ihrer Hunde-Begleiter, aber auch wegen unscheinbarer, für unsere grobe Wahrnehmung kaum sichtbarer Zeichen, die nur an die Einsamkeit und Kargheit gewöhnte Menschen zu deuten vermögen, durfte das weite Weideland auf der systematischen Suche nach Nahrung für die Schafe und Ziegen durchwandert werden, ohne in der Tiefe der Steinwüste verloren zu gehen. Da in Anbetracht der anfänglichen Verzögerung nur mehr wenig Zeit blieb, unser eigentliches Ziel zu erreichen, stiegen wir bald wieder in unser Fahrzeug und fuhren weiter. Dieses stellte neben dem Mobiltelefon im übrigen die einzige, durchaus brüchige Verbindung zur Sicherheit und Geborgenheit der Welt jenseits von Sand und Geröll dar, würde sich unsere Ausgesetztheit in dem Augenblick erwiesen haben, als die durchaus anfällige Technik versagt hätte. Mithilfe des zuverlässigen und geübten Fahrers näherten wir uns jener Hügelkette, die sich in der dunstigen Ferne abzuzeichnen begonnen hatte, erreichten diese auch und hielten bald darauf vor dem weithin einzigen Gebäude, neben dem sich das Tor zum Naturpark befand. Der sichtlich über die willkommene Abwechslung erfreute Wachposten nahm uns in Empfang, wechselte einige Worte mit unseren einheimischen Begleitern, bevor er bereitwillig das Gatter öffnete und uns auf das Gelände fahren liess, dessen Erscheinungsbild in keiner Hinsicht von jenem abhob, das die Landschaft davor geboten hatte - zumindest oberflächlich betrachtet, wie wir später feststellen sollten. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Gehege, in dem Antilopen gezüchtet wurden, die seit langem nicht mehr in freier Wildbahn gelebt hatten und in dieser wieder ausgesetzt werden sollten, folgten wir der vom selten, aber umso heftiger fallenden Regen ausgewaschenen Strasse, um an unser nächstes Ziel zu kommen, einer Forschungsstation, in dem auch ein kleines Museum untergebracht war. Von der Anhöhe aus, auf der es stand, eröffnete sich uns der ungehinderte Blick bis zum Horizont, hinter dem sich die von Steinen bedeckte Ebene schliesslich in der Tiefe der Wüste verlieren durfte. Bei genauerer Betrachtung erwies sich die Einöde als Lebensraum für zahlreiche Pflanzen, Insekten und Vögel, wohl aber auch für Schlangen und kleine Säugetiere, die wir um diese Tageszeit freilich nicht zu Gesicht bekamen. Stellvertretend für die Lebewesen der Halbwüste, zeigten sich uns vertraute Vögel wie die Haubenlerche, deren Gesang weithin zu hören war und mich an den Sommer zuhause erinnerte, während dem sie ihre Stimme im Flug genauso erklingen lässt, wie an diesem verlassenen Ort – Mendelssohn B. Streichquartett E-Dur, 3. Satz. Ohne uns davon zu erzählen, hatte Mohamed alles Notwendige auf unseren Ausflug mitgenommen, um uns ein Picknick im Hof des Museum zu bieten, bald nachdem wir die Ausstellung besichtigt und Dank der Übersetzung unseres Freundes den Inhalt der Schautafeln verstanden hatten. Im Schutz hoher Mauern, die den lebhaften Wind fernhielten, nahmen wir die aus Brot, Oliven, Thunfisch, gegrilltem Huhn und Salat bestehende Mahlzeit ein, die uns Vergnügen bereitete und unseren Hunger stillte. Die Sonne stand schon tief, als die Überreste unseres Picknicks schliesslich beseitigt waren, wir in den Wagen stiegen und wieder losfuhren, nachdem wir uns vom Wachposten verabschiedet hatten. Nun waren es die bereits flach einfallenden Sonnenstrahlen, die die Umrisse der Hügel im Gegensatz von Licht und Schatten deutlicher hervortreten, die Entfernungen kürzer erscheinen ließen. Darüber hinaus wirkten die Höhenzüge, an denen wir Stunden zuvor vorüber gefahren waren, erstaunlich fremd und ich hatte Mühe, mich an den Merkmalen der Landschaft zu orientieren, die allmählich im satten Orangerot der späten Nachmittagssonne versank. Bevor sie unter dem Horizont verschwand, trafen wir noch rechtzeitig an der Begräbnisstätte einer islamischen Mystikerin ein, die vor einigen Hundert Jahren an dieser Stelle am Berg gelebt hatte und von der Bevölkerung bis zum heutigen Tag wegen ihrer Heilkräfte und einstigen Fürsorge zugunsten der Armen verehrt wird. So, wie auch von jener Pilgergruppe, die sich an diesem Abend eingefunden hatte, das Grabmahl trotz des islamischen Verehrungsverbotes zu besuchen, miteinander in der Moschee zu beten und nach dem Essen ein Fest zu feiern, bei dem wir ebenfalls willkommen gewesen wären. Anbetracht der Zeit jedoch, die wir für die Heimfahrt bei Nacht brauchen würden, schlugen wir die gutgemeinte Einladung aus und machten uns auf den Weg durch die nunmehr in ständig tiefer werdende Dunkelheit getauchte Ebene, in der sich die Strasse manchmal nur schwer zwischen Steinen und Grassbüscheln erkennen, unseren Fahrer einmal sogar davon abkommen liess, um die Piste nach kurzer Verwirrung alsbald wieder zu finden. Am Abend dieses ereignisreichen Tages und nachdem wir wieder in der Stadt angekommen waren, zogen wir uns in unser Hotel zurück, um die Stunden bis zum Schlafengehen am Zimmer, in meinem Fall mit Yoga-Üben zu verbringen. Wie ursprünglich geplant, nahmen wir am nächsten Vormittag Abschied von Mohamed und seiner Stadt, setzten uns in ein Taxi und ließen uns von diesem nach Tunis bringen, wo nach einer Übernachtung ein weiterer, voller Tag mit dem Besuch des nahen Karthago und der Besichtigung sonstiger Sehenswürdigkeiten auf uns wartete. Ausgeruht und in bester Laune gingen wir am nächsten Morgen zur nahen Strassenbahn-Haltestelle, allerdings nur zu Dritt, da es David und Regula vorzogen in der Stadt zu bleiben und auf die Fahrt zur Ausgrabungsstätte zu verzichten. Noch in der Strassenbahn zum Hafen gelang es uns unter Beihilfe eines einheimischen Fahrgastes, jene Linie ausfindig zu machen, die uns am Ende an jenen Ort bringen sollte, an dem sich einst das Zentrum der ehemaligen See- und Handelsmacht befunden hatte. Schon beim Aussteigen kam mir das Erscheinungsbild des mondänen Wohnviertels seltsam bekannt vor, eine Wahrnehmung, die sich rund um den punischen Hafen, dem wir uns wenig später näherten, vorallem aber beim Anblick des nahen Byrsa-Hügels verdichtete. Dieser nämlich schien es gewesen zu sein, von dem aus sich mir in jenem Traum, den ich noch knapp vor meiner Abreise gehabt hatte, ein weiter Blick über die Meeresbucht geboten hatte, allerdings zu einer längst vergangenen Zeit, wie mir anhand der Bauweise der Gebäude in Erinnerung geblieben war. Wenig später auf der Anhöhe und am Gelände der Ausgrabungsstätte stehend, wurde aus der Ahnung schliesslich Gewissheit und in meiner Vorstellung begann sich langsam die Handlung einer Geschichte zu formen, zu deren Vollständigkeit mir allerdings noch wesentliche Teile zu fehlen schienen. Diese enthüllten sich nach und nach bei der nun folgenden Besichtigung des Museums, besonders aber, als ich, geleitet von einer seltsamen Anziehungskraft, die Räume einer Ausstellung betrat, die von dem Versuch der Rekonstruktion der Gestalt jenes jungen Mannes handelte, dessen sterbliche Überreste vor einigen Jahren am Fusse des Hügels gefunden worden waren - `Le jeune Homme de Byrsa´. Ganz so, als hätte die junge Aufseherin schon immer auf mich gewartet, forderte sie mich insbesondere auf, das kleine Relief mit einer knieenden Gestalt und eine Zahl von 18 Amuletten zu betrachten und erlaubte mir entgegen meiner anfänglichen Scheu ausdrücklich, Aufnahmen davon zu machen. Mit dem historischen Hintergrund zu diesem Projekt hatten sich sämtliche Einzelheiten mitgeteilt, die mir am Ende erlauben sollten, eine fiktive Geschichte rund um den frühen Tod des jungen Mannes zu verfassen und dabei den persönlichen Eindruck zu entwickeln, nur eine Handlung wiedergegeben zu haben, die immer schon festgestanden war. Im übrigen einer Beobachtung, die sich mit meinen ersten mystischen Erfahrungen in der Malerei vor nunmehr zwölf Jahren deckten, als sich die Umrisse des späteren Bildes auf der Leinwand abgezeichnet hatten und ich diese nur sichtbar machen brauchte. Mit dem abschliessenden Besuch der Antoninus-Thermen und einer Wanderung entlang der Hauptstrasse bis in den malerischen Stadtteil Sidi Bussaid, die auch am Präsidenten-Palast vorüber führte, dessen Bewohner sich wenige Tage später ins Ausland absetzen und einer Demokratisierungsbewegung Platz machen sollten, wartete früh am nächsten Morgen nur mehr der Rückflug von unserer Reise, die uns entlang von Spuren im Sand geführt hatte - J. S. Bach, Goldberg-Variationen. |




