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Im Banne der Venus, Senegal Weihnachten 008 PDF Print E-mail

Einerlei, den Nachmittag am Strand von Ngor, einer kleinen Insel im Norden der Stadt Dakar, nicht weit vom Flughafen, hatten wir uns nach der Mühsal in den Rädern der senegalesischen Zoll-Bürokratie redlich verdient und als unser Freund David am Vortag zum Heiligen Abend eintraf, hatten wir uns nicht nur von der Willkür erholt, sondern auch etwas zu erzählen – selbst, wenn es uns bis dahin an wahrhaft erfreulicherem Gesprächsstoff nicht gemangelt hätte. Bevor wir unseren Begleiter nach seiner Ankunft am Flughafen auf uns zuschreiten sahen, hatten wir Gelegenheit, Teil einer dem unfreiwilligen `Publikum´ wohl unbewussten Inszenierung zu werden, die an ein Theater, vielleicht auch Varieté erinnerte und darauf beruhte, gegenüber der Ankunftshalle im Schutz eines nach zwei Seiten hin offenen, bunten Zeltes zu sitzen und auf das Erscheinen der angekommenen Personen zu warten. Als wir eintrafen, waren nämlich die besten Plätze noch frei und wir hatten vorerst ungehinderte Sicht auf jenes Portal, durch das sie, die eigentlichen `Darsteller des Dramas´, bei ihrem `Auftritt´ kommen würden, nachdem sie davor die Einreiseformalitäten erledigt und ihr Gepäck glücklich in Händen haltend an den, unserer eigenen Erfahrungen nach erstaunlich freizügigen Zollbeamten vorbei die `Bühne´ erreicht hatten. Was sich gleich darauf den neugierigen Blicken von uns Zusehern bot, war ein abwechslungsreiches Schauspiel mit dramatischen Szenen und rührenden Wendungen, unbeabsichtigt komischen, manchmal tollpatschigen Einlagen und Situationen, die von den Reisenden mit mehr oder weniger grossem Geschick und Würde bewältigt wurden. Da gab es jene rührseeligen Momente des Wiedersehens ebenso, wie manchen der eben Angekommenen die Enttäuschung oder der Ärger über eine nichteingehaltene Verabredung oder Verspätung anzusehen war, oder aber die zur Gewohnheit der Geschäftsreisenden gehörende Zielstrebigkeit, mit der sie blicklos an allem vorbei zum Ausgang stürmten, um die unangenehme Situation so souverän und schnell als möglich hinter sich zu bringen. Besonderen Anklang schienen jene Balanceakte beim, wegen der langen Wartezeit für jede heitere Einlage dankbaren Publikum zu finden, die sich aus mangelndem Geschick beim Hantieren mit den mitgeführten Gepäcksstücken oder der Benutzung des mehr oder weniger funktionstüchtigen Wägelchens zu deren Transport ergaben. So mochte es schon vorkommen, der zur unfreiwilligen Komik verdammte Reisende würde beim Auffangen eines wackeligen Koffers die Kontrolle über die übrigen Gepäcksstücke verlieren und als Folge seiner verzweifelten Bemühungen nach und nach alle entlang seines `bitteren´ und missglückten Auftrittes verstreuen. Oder einem weiteren wäre die liebe Not ins ratlose Gesicht geschrieben, mit der er den, wegen seiner beträchtlichen Körpergrösse erstaunlich hohen Turm an Kisten und Taschen nur Dank seines Kinns und des schmerzhaft gekrümmten Rückens in Schach zu halten versucht – letztlich über die selbstverschuldete Misslichkeit ins Lachen gerät, um sich damit zwar Erleichterung für die Seele, weniger aber für die Bewältigung der restlichen Meter des Leidensweges zu verschaffen. Zu guter letzt kam unser Freund, in weissem Hemd und Kakhi-farbener Hose ein wenig einem kolonialem Entdecker gleichend, wobei zur Vollständigkeit seiner Erscheinung nur mehr der Tropenhelm und die geschulterte Elefanten-Büchse zu fehlen schien, und balancierte zusätzlich zu seinem Rucksack mannhaft die mitgeführte Kiste mit Medikamenten auf der Schulter, wie einst Atlas unsere liebe Welt, anstatt sie mit besagtem Gefährt zu transportieren und solcherart Anlass für eine unbeabsichtigte Lachnummer zu bieten. Den `Ball´ an einen der, durch die Ankunft der erwarteten Person erleichterten Ausharrenden weiterzugeben, wie ich es Augenblicke später erfuhr, als sich mein gestresster Freund von seiner zusätzlichen Last erleichterte, um sie mir aufzubürden, gab der Szenerie eine unvermutete Wendung, da es mich vom unbeteiligten Betrachter zum meinerseits unfreiwilligen Mitwirkenden im beschriebenen Drama werden liess...
Die nächsten Tage bis zu unserer Abfahrt, die erst für den zweiten Weihnachts-Feiertag geplant war und dann erst einen Tag später erfolgen sollte, verbrachten wir mit gemeinsamen Unternehmungen, wie dem Besuch des Stadtzentrums und des Marktes, sowie einem Ausflug auf die ehemalige Sklaveninsel Goree, nicht weit vor dem Hafen der Stadt gelegen und wegen ihrer wechselhaften Geschichte ein Ziel, das ich meine beiden Begleitern nicht vorenthalten mochte. Obwohl ich nicht das erste Mal auf der Insel war, eröffnete mir die Gesellschaft der unvoreingenommenen, jungen Leute auch eine Reihe neuer Einblicke, die mir bislang verborgen geblieben waren, aber auch überraschende Blitzlichter auf die dort lebende Dorfgemeinschaft warfen, wie etwa jene Jungen, die sich übermütig in der bemerkenswerten Kunst des Weit-Pinkelns übten, oder eine Händlerin, die mich wegen meiner Unentschlossenheit kurzerhand beim Handgelenk packte und zu ihrem Strassenladen zerrte, um mir alsgleich die dort ausgestellten Schmuckstücke anzupreisen, mich ohne zu zögern in ein eifriges Feilschen um den Preis zu verwickeln. Oder eine hohe, unnatürlich gerade gewachsene Palme zu entdecken, die sich bei näherer Betrachtung als der geschickt mit einer Kunststoffhülle verkleidete Mast einer Sende- und Empfangsanlage des örtlichen Funk-Telephonie-Netzes erwies, zu allem Überfluss mit gefiederten Blättern aus Kunststoff versehen, wobei nur noch die künstlichen Kokosnüsse zu fehlen schienen - als Beweis für den hierzulande verbreiteten poetischen Zugang zu ganz alltäglichen Erscheinungen. Wer etwa würde bei uns in Europa auf die Idee kommen, die in grosser Anzahl aus dem Boden schiessenden Funk-Antennen als Fichten, Pappeln oder Eichen zu tarnen, um sie dem kritischen Blick der Bürger zu entziehen und ihnen solcherart den Anblick der meist wenig ansehnlichen technischen Machwerke zu ersparen? Da unser diesjähriger Aufenthalt über das Weihnachtsfest dauerte, das auch in diesem mehrheitlich muslimischen Land als offizieller Feiertag gilt, zumindest von der kleinen, christlichen Gemeinde gefeiert wird, blieb uns keine Wahl, als den Heiligen Abend eben im kleinsten Kreis miteinander zu verbringen, die mitgebrachte Kerze zu entzünden, kleine Geschenke auszutauschen und jene Kekse andächtig zu verspeisen, die Lisa in Hinblick auf das Ereignis im Reisegepäck mitgeführt hatte. Derart an das Weihnachten vor zwei Jahren erinnert, das ich in Sri Lanka verbracht hatte, bereitete es mir keine besondere Schwierigkeit, mir jenes kleine Fest auszumalen, das zu Ehren meines damaligen Begleiters David und mir von unserem einheimischen Gastgeber Rohana und seiner Familie veranstaltet worden war. Freilich fehlten zu jener Zeit, wie auch dieses Mal, sämtliche Attribute, die wir von Kindheit an gewöhnlicherweise mit diesem Fest in Verbindung bringen, etwa der Christbaum, den wir in Plastik-Ausführung zur Not auf der Strasse kaufen hätten können, oder der Gegensatz zwischen behaglich geheizter Stube und unwirtlich kaltem Winterwetter, der sich beim besten Willen nicht künstlich erzeugen hätte lassen. Trotzdem vermochten wir den ungewöhnlichen Ort zu schätzen, an dem wir auch ein kurzes Weihnachtslied anstimmten, um bedauernd festzustellen, die Fortsetzung dieses Unterfangens würde schon an der einfachen Tatsache scheitern, spätestens die zweite Strophe der Lieder nicht auswendig singen zu können. Als wir uns am Morgen nach dem zweiten Feiertag zusammenpackten und auf unser Fahrzeug wartend die Menge des mitzuführenden Gepäcks mit Augen massen, konnte sich noch keiner von uns vorstellen, dieses würde in welches Gefährt auch immer passen – Kisten mit Medikamenten ebenso wie sämtliche unserer persönlichen Gepäckstücke und nicht zu vergessen den Windkessel einschliesslich Verpackung, die wir als Brennholz für unsere Gastgeber mitnehmen mochten. Umso mehr, als dem wenig später um die Ecke biegenden, altersschwachen Oldtimer die zum Transport anstehende Last kaum zuzutrauen schien – ein Eindruck, der jedoch vom klein gewachsenen, aber kräftig zupackenden Fahrer innerhalb weniger Minuten widerlegt wurde, indem dieser bis zum letzten Rucksack all unsere Habe, aber auch den sperrigen Stahlzylinder auf die Dachgalerie des ächzenden Fahrzeugs hiefte, die Gegenstände dort vertäute und nach erstaunlich kurzer Zeit darauf drängte, loszufahren. Nun wäre allein die augenfällige Überladung des Autos in unseren Landen für einen Vertreter der Ordnungsmacht Anlass genug gewesen, nicht nur dem Fahrer ohne zu zögern den Führerschein abzunehmen und das Auto samt Fracht sofort aus dem Verkehr zu ziehen, nicht aber hier in Afrika, wo der weithin sichtbare, rote Gegenstand äusserstenfalls die Aufmerksamkeit der in bestimmten Abständen entlang der Hauptstrasse kontrollierenden Ordnunghüter auf sich zog, die uns ungewohnt häufig am Strassenrand halten liessen. Worauf unser Chauffeur jedes Mal mit den Auto-Papieren verschwand um mit den ihm offensichtlich wohlbekannten Polizisten in Verhandlungen zu treten, nach einer Weile wiederzukommen und die Fahrt ungehindert fortsetzen zu können. Nur ein einziges Mal erhielten wir dabei die Bestätigung der durchaus naheliegenden Vermutung, bei diesen Vorgängen würden mehr oder weniger grosse Geldbeträge den Besitzer gewechselt haben, dann nämlich, als ein besonders dreister Beamter direkt vor unseren Augen ganz ungeniert die Hand aufhielt und den geplagten Fahrer solange mit einer Mischung aus Witz und Drohung hinhielt, bis der, erschöpft das Handtuch werfend, in die Tasche griff und wohl oder übel den für derartige Beanstandungen angemessenen `Obulus´ springen liess. Je weiter freilich wir uns von der Hauptstadt entfernten und, den dichten Verkehr bald hinter uns lassend, dem Ziel langsam näher kamen, umso seltener wurden die Kontrollen, bis schliesslich weit und breit kein Gendarm mehr zu sehen war, der der Tropensonne gnadenlos ausgesetzt ohnedies wenig zu tun gehabt und seine Zeit nur verschwendet hätte. Im selben Mass, wie die Fahrzeuge seltener wurden, die uns häufig auf unserer Seite entgegen kamen, weil deren Lenker so wie unserer den auf der eigenen Strassenhälfte zahlreich aufgebrochenen Schlaglöchern ausweichen mochten, nahm die Hitze zu, die einerseits durch den Fahrtwind, aber auch von den jahreszeitlich bedingten kühleren Wetterverhältnissen gedämpft wurde. Von unterwegs noch Lebensmittel für unsere Gastfamilie mitnehmend, deren Preis sich seit meinem letzten Besuch neun Monate zuvor in einer Weise erhöht hatte, der die Frage nahelegte, ob und in welchem Umfang sich die einfachen Menschen vom Lande diese in Zukunft noch leisten würden können, erreichten wir das Dorf am frühen Nachmittag und wurden dort von unseren Freunden herzlich in Empfang genommen, die schon auf uns gewartet hatten. Bald versorgt mit dem Nötigsten, allem voran mit einer vorzüglichen Mahlzeit, und gut vorbereitet auf die erste Nacht, die wir so wie jedes Mal in dem, mithilfe unserer europäischen Spender wiederaufgebauten Haus verbringen durften, blieb uns nur, den wandernden Schatten der Bäume nutzend auf einer Matte bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten, dabei den höflichen Erkundigungen nach unserem Befinden zu antworten, gute Wünsche auszutauschen und zu fortgeschrittener Stunde in den Schutz der Mosquitonetze schlüpfend schlafen zu gehen. Gleich nach dem gemeinsamen Frühstück zog es uns zum eigentlichen Ziel des Unternehmens, dem örtlichen Gesundheitszentrum, wo wir einen kurzen Lokalaugenschein abhielten, um uns einen Überblick über die Qualität jener in der Zwischenzeit erfolgten Arbeiten zu verschaffen, deren Ausführung mir schon vor Monaten von Mamadou Guindo, dem Baumeister, gemeldet worden war. Dabei erwies sich die begründete Notwendigkeit, die Baumassnahmen so rasch als möglich fortzusetzen, um der zu diesem Zeitpunkt nicht anwesenden Ärztin und ihrer Helferin die Arbeit durch unvermeidliche Beeinträchtigungen und zahlreiche Provisorien nicht länger als erforderlich zu erschweren. Was aber meinen Glauben an den Sinn unserer weiteren Bemühungen erheblich erschütterte, war der überraschende Griff meines Freundes Amadou zum Wasserhahn, der an einer Säule in unmittelbarer Nähe des Gebäudes angebracht war und aus dem der klare Strahl frischen Wassers kam, sämtliche Mühen, die wir bisher auf die Herstellung der Wasserversorgung verwendet hatten, mit einem Schlag als überflüssig erscheinen liess. Ohne Freude über den Fortschritt zu empfinden, ging mir augenblicklich durch den Kopf, was wir mit dem unnötig aufgewendeten Geld stattdessen alles machen hätten können und ich fragte mich, warum unsere Partner mich nicht deutlicher auf die Tatsache aufmerksam gemacht hatten, die Dorfgemeinschaft hätte schon vor längerer Zeit die Errichtung einer Anlage zur Reinigung und Nutzung des Flusswassers beantragt gehabt. Sicher, im Sommer hatte mich Amadous Mail mit der Meldung erreicht, der Wasserturm wäre zu diesem Zeitpunkt bereits fertiggestellt gewesen, da ich jedoch keine Ahnung von dem Vorhaben und dem Stand seiner Verwirklichung hatte, ging ich davon aus, diese würde noch unbestimmte, jedenfalls längere Zeit in Anspruch nehmen. Nun war es nicht nur der weithin in der Landschaft sichtbare Turm, der fertig war, sondern die ganze Anlage einschliesslich der Leitungen zu den wichtigsten öffentlichen Einrichtungen, etwa den Schulen, nicht zuletzt aber auch zum Gegenstand unserer Bemühungen, dem Gesundheitszentrum. Den eigenen Anteil an der durchaus vermeidbaren Verschwendung von kostbaren Spendenmitteln vor Augen, verzichtete ich auf das Erheben von einseitigen Vorwürfen und begnügte mich mit der Besänftigung meines inneren Ratgebers, den ich offenbar nicht ernst genug genommen hatte - zum Nachteil des ganzen Projektes, der dadurch Begünstigten und der eigenen Glaubwürdigkeit. So war der nun folgende Besuch der nagelneuen Anlage begleitet von Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, die ich zu allem Überfluss meinen Begleitern nicht gleich erklären konnte, weil diese keine Ahnung von der Ursache meiner augenblicklichen Befindlichkeit hatten und die Anwesenheit unserer Freunde keine Gelegenheit offen liess, ungestört darüber zu sprechen. Schwankend zwischen Ärger, kaum zu besänftigenden Selbstvorwürfen, Resignation, aber auch der Verpflichtung, einmal geleistete Versprechungen einzulösen und Begonnenes in jedem Fall zuende zu bringen, waren es die mit Freude und Stolz vorgetragenen Erläuterungen des für den Betrieb des Wasserwerks verantwortlichen Mannes, die meinen eigenen Unmut in den Hintergrund drängten und uns das Ausmass an Erleichterung vor Augen führten, die diese Neuerung für die Menschen im Dorf bedeuten durfte. Nicht mehr so wie von Alters her das Wasser vom Fluss oder einem der Brunnen holen, jeden kostbaren Liter meist von Kinder- oder Frauenhand und am Kopf balancierend nachhause tragen zu brauchen, stattdessen einfach den Hahn aufdrehen und das in stets ausreichender Menge verfügbare Wasser bedenkenlos verwenden zu können, schien mir genug Grund zu bieten, die Grübelei am Ufer des Flusses sitzend nach einer Weile aufzugeben und den Blick auf die Beschaulichkeit des Flusslebens zu lenken. Von Amadou erfuhren wir da, er wäre als Kind wie seine übrigen Freunde von den Ästen jenes Baumes in den träge dahinfliessenden Fluss gesprungen, unter dem wir nun gemeinsam auf seinen Wurzeln sassen und das morgendliche Treiben am Ufer beobachteten – tatsächlich durfte sich seit jener Zeit kaum etwas verändert haben, schienen es doch noch immer die gleichen Eselskarren zu sein, auf denen das aus dem leicht schlammigen, dennoch sauberen Fluss geschöpfte Wasser geholt wurde, um sich etwa damit zu waschen oder den eigenen Garten zu bewässern. Würden, sollte das kostbare Nass erst einmal ungehindert aus den Leitungen sprudeln, die Menschen nicht so wie wir bald vergessen, wie beschwerlich die Versorgung damit dereinst gewesen war, und die schlichte Tatsache zu schätzen aufhören, es eben zu jeder Zeit zur Verfügung zu haben? Am Nachmittag desselben Tages kehrten wir erneut zur Baustelle zurück, diesmal jedoch, um uns mit der nunmehr anwesenden Ärztin zu treffen und ihr die mitgebrachten Medikamente mit Erläuterungen zu ihrer Anwendung zu übergeben, aber auch, die noch ausständigen Arbeiten am Gebäude ein weiteres Mal mit Baymor zu besprechen, der ihre Durchführung am Ende überprüfen, mit Bildern dokumentieren und diese an uns übermitteln sollte. Für den Abend hatte sich Mamadou Guindo angekündigt, der jedoch erst in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages mit der nächsten Lieferung an Baustoffen ankam, um mit uns im Laufe des Sonntags auch den bereits in Dakar vereinbarten Arbeitsverlauf im Einzelnen zu besprechen. Dabei kamen auch die nach und nach auftretenden Baumängel am Wohnhaus unserer Gastfamilie zur Sprache, wie das während der kurzen, dafür umso heftigeren Regenzeit leckende Dach, oder die einst begonnene, bislang noch unvollendete Toilette, die wir nun als Muster-Projekt für jene Trocken-Aborte errichten lassen mochten, die auf dem Gelände des Gesundheitszentrums noch gebaut werden sollten. Wenngleich der Aufenthalt wie die vorangegangenen nur wenige Tage dauern sollte, durfte doch ausreichend Zeit für meine Begleiter geblieben sein, dauerhafte Eindrücke von der Flusslandschaft, vom Dorf und seinen Bewohnern zu gewinnen, vielleicht aber auch, die nötige Zuneigung für den Ort zu entwickeln, um diesen in guter Erinnerung behalten zu können und irgendwann wiederzukommen. Wie immer war die uns gegebene Zeit schnell vergangen, als wir nach dem Wochenende und erfüllten Aufgaben im Laufe des frühen Vormittags in den von Amadou gerufenen Wagen stiegen und die Fahrt zurück nach Dakar antraten, nicht ohne zuvor von unseren Gastgebern und Freunden Abschied genommen zu haben, die sich auch dieses Mal in rührender Weise um uns bemüht hatten.
Schmerzhaft empfanden wir nach der Stille und Beschaulichkeit der ländlichen Idylle das neuerliche Eintauchen in Lärm und dunkle Abgas-Schwaden, die uns schon weit vor der eigentlichen Stadtgrenze im zähen Stau empfingen, lange bevor wir überhaupt in die Nähe des Zentrums gelangten, das wir zu unserer Erleichterung dann doch erstaunlich rasch und ohne allzu langes Warten erreichten und uns sogleich ins Hotel bringen liessen. Da wir von vorneherein beabsichtigt hatten, nur eine Nacht zu bleiben, hielten wir uns am nächsten Tag nicht länger als nötig in der Grossstadt auf und nahmen um die Mittagszeit ein Taxi in die Stadt Joalle, wo uns, am Ufer des Flusses Saloume angekommen, nur mehr ein Steg von jener Siedlung trennte, in der auf Vermittlung von Abdoulaye, dem Bruder Rackies, ein ganzes Haus als Unterkunft auf uns wartete. Fadiout, wie die auf einer kleinen Insel erbaute Siedlung genannt wird, erinnert nicht zuletzt wegen ihrer Lage im Flussdelta und der dadurch bedingten Lichtverhältnisse ein wenig an Venedig, mit dem es auch den glücklichen Umstand teilt, wegen des Fehlens einer Strassenbrücke nur zu Fuss erreichbar zu sein. So war und ist das vorwiegend von Christen bewohnte Dorf wohl ehedem zugunsten der Sicherheit bis auf zwei schmale Holzstege vom Festland getrennt belassen worden, was sich in Zeiten des Tourismus als glückliche Fügung erweisen dürfte, da die Besucher nun von Fahrzeuglärm und Abgaswolken unbehelligt durch die engen Gassen des Fischerdorfs schlendern und dabei so manches Souvenir erstehen können – abgesehen von der Möglichkeit, in einer der kleinen Bars am Wasser Platz zu nehmen, sich mit einem Getränk zu erfrischen und gleichzeitig den bemerkenswerten Ausblick auf den Fluss zu geniessen. Wohltuend empfanden wir auch die Tatsache, nicht wie die meisten der Besucher nach dem Rundgang wieder zurück auf das Festland gehen zu brauchen, sondern bis über den Einbruch der Dunkelheit hinaus im Dorf bleiben und nach dem Abendessen Schlafen gehen zu können, um uns gleich am nächsten Morgen erholt und ausgeruht auf die mit unserem einheimischen Begleiter Leo-Mari vereinbarte Tour zu machen.
Um die Besonderheit jenes Ortes erfassen zu können, ist es notwendig sich vorzustellen, dieser würde eben auf einer nicht allzu grossen Insel im seichten, mit den Gezeiten fallend und steigenden Wasser gelegen sein, wobei der Untergrund nicht wie zu erwarten aus Sand, sondern aus unzähligen Muschel-Schalen gebildet wird. Dieser bemerkenswerte Umstand wird dem Besucher im dem Augenblick bewusst, wo er die Insel über den langen, hölzernen Steg vom Lande her kommend betritt und das Knirschen der kleinen Schalen unter den Fusssohlen bemerkt, die ihn dann ähnlich des eigenen Schattens auf allen Wegen, ja selbst noch bei Dunkelheit durch die Siedlung begleitet.
Im Gegensatz zum Vorabend, wo wir uns selbstständig auf Rundgang durch die engen, verwinkelten Gassen begeben hatten, um deren unberechenbaren Bögen folgend am Ende doch immer ans Wasser zu gelangen, vertrauten wir dieses Mal ganz auf die Ortskundigkeit unseres Freundes, der uns zuerst über eine weitere Brücke auf die nahe Friedhofsinsel brachte. Schon bei unserer Ankunft hatten wir diese im sanften Glanz der Nachmittagssonne wahrgenommen, wobei ich an meinen ersten Aufenthalt vor einigen Jahren erinnert wurde, als ich gemeinsam mit meinen damaligen Begleitern die Begräbnisstätte wegen eines schweren Unwetters nicht aufsuchen hatte können. Dieses Mal jedoch schien der Zeitpunkt schon allein wegen der jahreszeitlich bedingt etwas gedämpften Temperaturen, aber auch der eben erst beginnenden Hitze des frühen Vormittags günstiger, schritten wir über Holzbohlen und von der Sonne geblendet auf unser Ziel zu, dessen Umriss von den mächtigen Stämmen einiger Baobab-Bäume, sowie einem am höchsten Punkt der Insel aufragenden Kreuz gebildet wurde. Berührt von der stillen Poesie des Ortes, der, ähnlich des Friedhofs in der Lagune jener berühmteren Schwester-Stadt, sämtlichen Bewohnern eine letzte Ruhestätte bieten durfte, ungeachtet deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft, hielten wir einige Male entlang des muschel-gepflasterten Weges, wobei mir im Rückblick besonders jene Tatsache für den Zauber der Insel verantwortlich scheint, die Dorfbewohner würden am Ende auch das Grab mit den gleichen Wesen teilen, die zu Lebzeiten die Grundlage ihres Daseins dargestellt hatten - innig umarmt von den Wurzeln der sie überragenden, knorrigen Baumgestalten, deren Stämme seit jeher als Aufenthaltsort der Geister von Vorfahren und Ahnen gelten. In steter Bewegung gehalten durch die beständig wachsende Kraft der Sonne, die sich beharrlich ihrem Wendepunkt näherte, setzten wir unseren Ausflug fort, indem wir, am Fusse der Insel angelangt, auf eine kleine Menschenansammlung zuhielten, die mit einer uns unbekannten landwirtschaftlichen Tätigkeit beschäftigt schienen. Diese erwies sich im Näherkommen als Verarbeitung der, laut unserem Begleiter von den nahegelegenen Anbaugebieten am Festland herangeschafften Feldfrüchte, einer Hirseart, die unter dem Namen Kuskus mittlerweile auch in Europa bekannt ist und deren Samen nun vor unseren Augen beim Dreschen von langen Kolben getrennt wurden, neben lautem Knattern auch jene weithin sichtbare Fahne aus Staub bildend, die wir zuerst aus der Ferne wahrgenommen hatten. Vorbei an ausgedehnten Mangroven-Wäldern, in deren sattgrünen Kronen zahlreiche Vögel Schutz vor der Sonne suchten, wohingegen ihre Wurzeln bei Ebbe zum Teil im Trockenen lagen, kehrten wir zurück zum Fluss, um sogleich einen der dort liegenden Einbäume zu besteigen und zu einer flachen Sandbank in Rufweite der Friedhofs-Insel überzusetzen, auf der neben einigen Souvenir-Läden auch eine Ansammlung von Pfahlhütten standen, die ehedem als Vorratsspeicher gedient hatten. Die langsam verfallenden, aus Holzstämmen errichteten Gebilde boten vor der Kulisse der in der Ferne schimmernden und gleichsam über der Wasserfläche schwebenden Häuser der Ortschaft einen einzigartig malerischen Anblick, dennoch beeilten wir uns, den Weg im Boot fortzusetzen, bei dieser Gelegenheit Dank des leichten Fahrtwindes auch der Gluthitze des Mittags etwas zu entgehen. Als wir nach schweigsamer Fahrt auf dem meist nur schultertiefen Fluss an einem Uferstück anlegten, das, von einem alten Baobab überragt, mit einem Mal aus der Gleichförmigkeit des Mangroven-Dickichts aufgetaucht war, nützten wir die günstige Gelegenheit, den Einbaum zu verlassen und uns die Beine ein wenig zu vertreten, wobei unsere Füsse hier wie dort auf Muschelschalen traten, die jedoch zum Grossteil von widerstandsfähigen und wasserspeichernden Pflanzen überwuchert waren. Das Bemerkenswerte an diesem Ort schien nicht nur jene, von der Mittagshitze genährte Stille, die uns bisher auf der gesamten Fahrt begleitet hatte, sondern auch die weiss aufgebrochenen Samenstände der Baumwolle zu sein, deren Vorkommen den Bemühungen der Bewohner der entfernten Insel zu verdanken sein durfte, die sie einst an diesem abgelegenen Platz und schwer erreichbar vom Land aus angebaut hatten. Oder aber der weithin einzige Baum, dessen gedrungener Stamm die umliegenden, niedrigen Gehölze deutlich überragte, wie ein breitbeiniger Riese über jenes Heer von Zwergwesen wachte, das zu seinen mächtigen Füssen entlang des Flusses wucherte und dort einen undurchdringlichen Schutzwall gegenüber unerwünschten Eindringlingen bilden mochte. Bevor die Hitze zu arg wurde, liessen wir den inspirierend abgeschiedenen Ort hinter uns, näherten uns auf selbem Weg wie auf der Hinfahrt bald wieder dem Ausgangspunkt unseres Ausfluges und entstiegen am Fuss der Bestattungs-Insel unserem Gefährt, dem wir so wie unserem unaufdringlichen Begleiter eine einprägsame Erfahrung verdankten.
Schon bevor wir uns auf den Weg zu unserem nunmehrigen Aufenthaltsort gemacht hatten, war uns bewusst gewesen, hier auch den Jahreswechsel miteinander zu verbringen, hatten es aber bis zum Abend des Sylvestertages verabsäumt, die für uns Europäer üblichen Vorkehrungen zu diesem Anlass zu treffen. Aus diesem Grund gelang es uns trotz halbherziger Bemühungen auch im letzten Augenblick nicht, eine Flasche Sekt aufzutreiben, zumal die örtliche Bevölkerung, die als Christen nicht an das unter Muslims geltende, strenge Alkoholverbot gebunden waren, sich schon Tage davor mit den gewünschten, vorwiegende harten Getränken versorgt hatte. Da wiederum wir nicht an diese gewöhnt waren und auch nicht die Absicht hatten, uns den nächsten Morgen mit den absehbaren Folgen übermässigen Alkoholgenusses zu verderben, nahmen wir Vorlieb mit einem Glas Mineralwasser, das wir auf unser gemeinsames Wohl im neuen Jahr leerten, dennoch ein wenig wehmütig eingedenk der schon seit einer Stunde Tanzenden und Feiernden zuhause. Was sich aber länger in unserer Erinnerung halten dürfte, weil es genau dem Gegenteil dessen entsprach, was sich im Westen üblicherweise im Verlauf dieses Festes ereignet, war die etwas abseits der Gassen herrschende Stille, genauer gesagt, das völlige Fehlen des Knallens, Fauchens und Berstens von Feuerwerkskörpern, die wir vergeblich am Nachthimmel suchten. Schwankend zwischen stiller Genugtuung und innerem Bedauern beim Betrachten der Schwärze des Alls, das zwar von den Lichtern unzähliger schimmernder Himmelskörper erhellt und belebt wurde, doch keine weiteren Sensationen für uns bereit hielt, zog es uns schon bald ins Haus zurück, um bis zum selben Morgen in tiefen Schlaf zu fallen. An diesem schien das alltägliche Treiben auf den Gassen wie gewohnt weiterzugehen, folgten die Menschen in ihren Häusern üblichen Tätigkeiten, ohne vom Sachverhalt weiter Notiz zu nehmen, es würde sich mit dem ersten Tag des neuen Jahres um einen `besonderen´ handeln. So packten auch wir die Sachen und machten uns gemeinsam mit unserem Freund Leo-Mari zu einem Zeitpunkt auf den Weg zurück aufs Festland, der versprach, unser nächstes Ziel früh genug erreichen und von dort aus eine Safari in das der Stadt Mbour nahegelegene Wild-Reservat Bandia unternehmen zu können.
Wenig später angelangt, bezogen wir eine jener gut ausgestatteten, strohgedeckten Rundhütten, wie sie in, irreführend `Campement´ bezeichneten, Anlagen entlang der Küste zwischen der Hauptstadt und besagter Siedlung im Fluss angeboten werden, warteten bis zum Ende der Mittagshitze und setzten uns ins zuvor bestellte Taxi, das uns erst zum Nationalpark bringen und dann auf eine Rundfahrt durch das Gelände nehmen sollte. Dabei bekamen wir die Kehrseite der immer noch andauernden, allgemeinen Feierstimmung zu spüren, als sich unser festlich gekleideter, auf den ersten Blick zuverlässig wirkender Fahrer als alkoholisiert erwies und ich das schwer einschätzbare Risiko eines möglichen Unfalls auf mich nahm, um unseren ursprünglichen Plan doch noch in die Tat umsetzen zu können. Von Zeit zu Zeit warnend die Stimme erhebend, gelang es mir, unseren Fahrer von mancher törichter Absicht abzubringen und ihn Dank vereinter Aufmerksamkeit auf der Strasse zu halten, wobei die Tiefe seiner Berauschung mit der zurückgelegten Strecke abzunehmen schien, er am Ende sein Fahrzeug erstaunlich behände auf der staubigen Piste durchs freie Gelände lenkte. Die am Eingang zugestiegene Wildhüterin gab schliesslich Anweisung, wo der Mann fahren und halten sollte, damit wir so viele Tiere als möglich zu Gesicht bekämen, und tatsächlich blieb uns das Reservat am Ende nur ganz wenige seiner Attraktionen schuldig, konnten wir neben Antilopen, Schiraffen, Nashörnern und Straussen auch so manchen uns unbekannten Vogel, natürlich auch Affen, Krokodile und Riesen-Schildkröten bewundern, die im Schatten der zahlreichen, knorrigten Baumriesen friedlich nebeneinander lebten. Begleitet von den noch frischen Eindrücken vom Vortag, bemühten wir uns gleich am nächsten Morgen um die sonst in Überzahl vorhandenen Sitzplätze für eine Rückfahrt nach Dakar, aber da die Feierlichkeiten rund um den Jahreswechsel noch immer andauerten und offenbar nur wenige Fahrer verfügbar waren, blieb uns keine Wahl, als ein ganzes Taxi für uns zu mieten, dessen Fahrer uns schliesslich mit erheblichem Geschick an so manchem Stau vorbei in die Stadt zurückbrachte.
Die nun noch verbleibende Zeit bis zu unserem Rückflug, verbrachten wir mit Einkäufen und dem Wahrnehmen der von unseren Freunden ausgesprochenen Einladungen zum Essen, die wir gerne annahmen, weil sie von Herzen kamen und sich auf diese Weise auch die Gelegenheit bot, ihre Familien und Lebensumstände näher kennen zu lernen. So fanden wir uns bald in Gesellschaft einiger Verwandter und der schönen Frau von Ousmane Ba wieder, jenes Handwerkers, der die Installation der Nutzwasser- und Abwasser-Leitungen im Gesundheitszentrum von Thiangaye überhatte, oder in der neuen Wohnung von Mamadou Guindo, dessen beide kleine Söhne sich gemeinsam mit ihrer Mutter nicht nur über unseren Besuch, sondern auch über die Anwesenheit ihres Vaters und Ehemannes freuten, der aus beruflichen Gründen wohl nur selten zuhause sein durfte. Auf diese Weise abwechslungsreich und kurzweilig, verstrichen die beiden letzten Tage unseres Aufenthaltes, und als in Gesellschaft von Rackies Bruder Abdoulaye, der Lisa am Ende noch in der Kunst der Zubereitung senegalesischen Tees unterwies, die Zeit für den Abschied gekommen war, vermittelte sich mir der Eindruck, unsere Reise eben erst begonnen zu haben – im Banne der Venus...